Abnehmspritzen: Fortschritt, aber keine Lösung

Moderne Schlankheitsmittel wie GLP-1-Agonisten haben die Adipositastherapie revolutioniert und ermöglichen eine deutliche Gewichtsreduktion. Können sie chirurgische Eingriffe ersetzen?

 

Klar ist: Stark übergewichtigen Patienten mit einem BMI über 35 können sie eine chirurgische Behandlung, etwa eine Magenverkleinerung, nicht ersetzen. Denn die durch Abnehmspritzen erzielte Gewichtsabnahme allein reicht bei sehr adipösen Menschen nicht aus. Dennoch ist die medikamentöse Therapie ein wichtiger Fortschritt, der die Adipositaschirurgie sinnvoll ergänzt: Studien zeigen, dass GLP-1-Agonisten, vor einer Operation eingesetzt, deren Durchführung erleichtern und Komplikationen reduzieren. Ebenso kann eine medikamentöse Nachsorge helfen, eine erneute Gewichtszunahme zu vermeiden. Langfristig bleibt die Kombination von medikamentösen, endoskopischen, chirurgischen und verhaltenstherapeutischen Verfahren der beste Weg, um nachhaltige Therapieerfolge zu erzielen. Entscheidend ist ein multimodaler Behandlungsansatz, der individuell auf die Betroffenen zugeschnitten ist. 


Gewichtsverlust oft nicht von Dauer

Die moderne interdisziplinäre Adipositastherapie stand auch im Mittelpunkt des 142. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2025) in München. Der Grundtenor lautete: Adipositas ist eine chronische Erkrankung, deren Entstehung komplex und multifaktoriell ist – eine Heilung ist selten. So kommt es bei vielen Patienten nach dem Absetzen der Medikamente oder Ende ihrer Diät zu einer erneuten Gewichtszunahme. Ab einem BMI von 27 können Medikamente zur Gewichtsreduktion vom Arzt verordnet werden, wenn mindestens eine Begleiterkrankung vorliegt, die mit dem Übergewicht in Zusammenhang steht. Ohne Begleiterkrankungen gilt ein BMI von 30 als Richtwert. „Die Adipositaschirurgie wird in der Regel erst ab einem BMI von 40 kg/m² eingesetzt“, sagt Dr. Goran Marjanovic, Leiter der Sektion für Adipositas und Metabolische Chirurgie am Universitätsklinikum Freiburg. Auch bei Patienten mit einem BMI zwischen 35 und 40 kg/m² könne ein chirurgischer Eingriff erwogen werden, wenn Adipositas-assoziierte Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe vorliegen, so der Viszeralchirurg. Laut Statista wurden in Europa im Jahr 2021 knapp 180.000 Operationen zur Bekämpfung von Übergewicht durchgeführt.

„Die Entwicklung von GLP-1- Agonisten und anderen modernen Abnehmspritzen hat die Adipositastherapie vor allem im BMI-Bereich zwischen 30 und 40 kg/m2 in den letzten Jahren stark verändert“, sagt der Experte. Sie ermöglichen eine signifikante Gewichtsreduktion und können Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes positiv beeinflussen. Doch trotz vielversprechender Studien gibt es klare Einschränkungen: Der erzielte Gewichtsverlust ist oft nicht von Dauer. Die Langzeiteffekte der Medikamente sind noch nicht ausreichend erforscht. Zudem sprechen nicht alle Patienten gleich gut auf die Therapie an. Hinzu kommt: Die Kosten für eine lebenslange Behandlung sind hoch und die Finanzierung unklar.

 

GLP-1- Agonisten ermöglichen eine signifikante Gewichtsreduktion und können Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes positiv beeinflussen. 

 

Goldstandard Adipositaschirurgie?

„Bariatrische Operationen sind nachweislich die effektivste Methode zur langfristigen Gewichtsreduktion mit 30 % Gewichtabnahme und mehr sowie zur Behandlung adipositasbedingter Folgeerkrankungen. Sie reduzieren das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und bestimmte Krebsarten. Die chirurgische Therapie ist bei bestimmten Eingriffen jedoch irreversibel und mit möglichen Risiken wie funktionellen Einschränkungen des Verdauungstrakts verbunden“, so Marjanovic.

„Medikamentöse Therapien ersetzen die Adipositaschirurgie nicht“, betont der Mediziner ganz klar. Sie sind eine wertvolle Ergänzung, doch langfristige Erfolge erfordern eine individuell angepasste Therapie. „Wir müssen das Potenzial der verschiedenen Verfahren kombinieren, ähnlich wie in der modernen Tumortherapie. Das könnte die Zukunft sein.“ Eine erfolgreiche Behandlung erfordere interdisziplinäre Zusammenarbeit und die frühzeitige Anbindung an spezialisierte Adipositaszentren. Statt einer Konkurrenz zwischen Medikamenten und Chirurgie sollte ein patienten­orientierter, multimodaler Ansatz im Mittelpunkt stehen.

rh


foto: istockphoto/ carolina rudah
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