Anaphylaktischer Schock: Vorbereitung notwendig
In der Arztpraxis sollte man auf den Notfall eines anaphylaktischen Schocks vorbereitet sein. Mögliche Betroffene sollten zudem in Beratungsgesprächen aufgeklärt und geschult werden.
„Bei Gabe eines Adrenalin-Autoinjektors ist das Körpergewicht der betroffenen Person zu beachten.“
Dr. Ulli Enzenberg
Ärztin für Allgemeinmedizin mit Spezialisierung Allergologie, Ordination Gesund in Schönbrunn, Allergiezentrum Wien West
„Unter Anaphylaxie versteht man eine lebensbedrohliche, IgE-vermittelte Überempfindlichkeitsreaktion mit Freisetzung pharmakologisch aktiver Substanzen. „Insbesondere durch die starke Histaminfreisetzung entstehen Juckreiz und urticarielle Hautausschläge, Übelkeit, Erbrechen und Koliken durch Flüssigkeitseinstrom in den Darm, Angioödeme der Haut und Schleimhäute. Dadurch kann es zu Atem- und Schluckbeschwerden, Herzrasen und Blutdruckabfall, Atemnot und bronchialer Obstruktion kommen. Bei Fortschreiten der Reaktion drohen ein anaphylaktischer Schock durch Gefäßerweiterung, Bewusstlosigkeit und Herz-Kreislauf-Stillstand“, fasst Dr. Ulli Enzenberg, Ärztin für Allgemeinmedizin mit Spezialisierung Allergologie, zusammen. Dabei wird der Verlauf einer Anaphylaxie (siehe Kasten) wesentlich durch die Persistenz des auslösenden Faktors bestimmt, wenn Nahrungsmittel, Medikamente oder Insektengift im Körper verbleiben und damit die immunologische Reaktion weiter triggern. Was in der Arztpraxis bezüglich anaphylaktischen Schocks zu beachten ist, darüber hat ÄRZTE EXKLUSIV mit der Allergologin im Interview gesprochen.
Die 4 Schwergrade der Anaphylaxie (nach Ring & Meßmer)
Grad I beginnt mit generalisiertem Juckreiz und Urticaria, Flush und der Ausbildung von Angioödemen.
Grad II umfasst Übelkeit, Erbrechen, Koliken, Dyspnoe und bronchiale Obstruktion, Larynxschwellung und inspiratorischen Stridor, mit fließendem Übergang in
Grad III mit Hypotension, anaphylaktischem Schock und Bewusstlosigkeit.
Grad IV bedeutet Herz-Kreislauf-Stillstand.
Welche Patienten haben ein besonders hohes Risiko für einen anaphylaktischen Schock?
Wurde eine IgE-vermittelte Allergie gegen Insektengift, ein Medikament oder ein bestimmtes Nahrungsmittel nachgewiesen, besteht bei jedem Allergenkontakt ein besonders hohes Risiko für eine anaphylaktische Reaktion. Ziel ist immer, den Auslöser strikt zu meiden. Hat Allergenkontakt unvermeidlich oder unbeabsichtigt stattgefunden, ist die wichtigste Maßnahme zu versuchen, die Allergenzufuhr sofort zu stoppen. Im nächsten Schritt werden rasch Notfallmaßnahmen eingeleitet.
Bei welchen Patienten sollte man vorbeugend über das Thema anaphylaktischer Schock reden?
Bei Menschen ohne nachgewiesene Allergie, aber mit einer schweren Grunderkrankung (Tumor, Stoffwechselstörung, Autoimmunerkrankungen, kardiale Insuffizienz) oder vermehrter Reaktionsbereitschaft durch erhöhten Tryptasespiegel bei Mastozytose, Histaminintoleranz oder anderen Enzymstörungen ist es wichtig, die Möglichkeit einer systemischen Überempfindlichkeitsreaktion in einem ausführlichen Beratungsgespräch darzulegen.
Was sind wichtige Eckdaten für solche Beratungsgespräche mit Patienten?
Wissen gibt Sicherheit. Eine ausführliche Information über mögliche Allergieauslöser und hilfreiche Vermeidungsstrategien ist erforderlich. Dabei werden die Lebensumstände genauso erfasst wie Risken durch Nahrungsaufnahme auswärts, Selbstmedikation ohne Rücksprache mit einem Arzt oder die Versorgung von Insektenstichen im entlegenen Gelände. Bei der Urlaubsplanung sollten Notfallnummern bekannt sein, Notfallmedikamente selbst mitgenommen und die Anwendung eines Adrenalin-Autoinjektors zuvor geübt werden. Bereits ganz junge Kinder erlernen das Vermeiden von bestimmten Nahrungsmitteln durch konsequentes Training. Familienmitglieder, Begleitpersonen, Lehrkräfte und Arbeitskollegen müssen informiert und in Basismaßnahmen zur Ersten Hilfe geschult werden.
Wie muss man als Arzt in der Praxis vorbereitet sein, falls es bei einem Patienten zu einem anaphylaktischen Schock kommt?
Eine Basisausstattung mit Notfallmedikamenten ist in jeder Arztpraxis erforderlich und wird je nach Fachgebiet und durchgeführten Behandlungen angepasst. Einfach und übersichtlich sollten die Medikamente angeordnet sein. Das ganze Team sollte regelmäßige Notfallschulungen absolvieren. Sollte ein Notfall eintreten, muss der Betroffene gut betreut werden, alle anderen anwesenden Menschen informiert und separiert werden. Auch darauf sollten alle geschult werden.
Was sind die Handlungsempfehlungen, wenn sich ein anaphylaktischer Schock in der Arztpraxis ereignet?
Je nach Schweregrad der anaphylaktischen Reaktion kommt bei Anaphylaxie Grad (II-) III mit ausgeprägter bronchialer Obstruktion und Stridor oder massivem Blutdruckabfall sofort und vor allen anderen Maßnahmen ein Adrenalin-Autoinjektor zum Einsatz. Bei Grad I oder II mit Urticaria, Angioödemen oder gastrointestinalen Symptomen werden zuerst ein i.v. Zugang gelegt, Volumen substituiert, Antihistaminika und Cortison verabreicht, eine Sauerstoffgabe und der Adrenalin-Autoinjektor vorbereitet.
Was ist bei der Gabe eines Adrenalin-Autoinjektors zu beachten?
Bei der Gabe des Adrenalin-Autoinjektors ist trotz Fertigspritze die körpergewichtsadaptierte Dosierung zu beachten, weshalb Erwachsene im Notfall zumeist zwei Autoinjektoren (à 0,3 mg) im Abstand von ca. 15 Minuten benötigen. Bei der Kinderdosierung ist die Gabe eines Autoinjektors (0,15 mg) ab 7,5 kg Körpergewicht empfohlen, ab 15 kg zugelassen. Ab 30 kg kann der Pen mit 0,3 mg verwendet werden. Auch beim Kind kann die Anwendung eines zweiten Injektors im Abstand von 15 Minuten notwendig werden. Die Verabreichung erfolgt ausschließlich in die laterale Seite des Oberschenkels, tief in die Muskulatur, um Schäden durch Vasospasmen der Blutgefäße zu vermeiden. Die Nadel ist fest und lang genug, um auch durch Kleidung appliziert zu werden; umgekehrt ist eine Verweildauer von ca. drei bis zehn Sekunden erforderlich, um den Eintritt der Adrenalinlösung zu gewährleisten.
Was ist sonst noch zu beachten?
Grundsätzlich sollten bereits beim Erfassen eines schwerwiegenden medizinischen Notfalls die Rettungskräfte alarmiert werden. Die Vitalparameter (Atmung, Herzfrequenz) und Blutdruck sowie Sauerstoffsättigung sollten im Rahmen der Basisuntersuchung regelmäßig kontrolliert werden und je nach Entwicklung der Symptome weitere medizinische Maßnahmen angepasst werden.
Wann sollte man als Arzt vorbeugend das Risiko eines möglichen anaphylaktischen Schocks bei einem Patienten bedenken und entsprechend agieren?
Insbesondere bei verstärkten Lokalreaktionen im Rahmen der sogenannten allergenspezifischen Immuntherapien, aber auch bei Patienten mit Impfreaktionen nach anderen Immunisierungen kann eine Dosisanpassung bzw. die prophylaktische Gabe eines Antihistaminikums sinnvoll sein. Histaminarme Ernährung bei bekannter Intoleranz, Vermeiden extremer körperlicher Anstrengung, das Beachten und Behandeln von Infekten sowie eine Medikamenteneinnahme nach strenger Indikationsstellung helfen, bereits die Entstehung von Überempfindlichkeitsreaktionen zu vermeiden.
Auf einen Blick
Wichtigste Auslöser: Nahrungsmittel – Insektengift – Medikamente
Betroffene Organsysteme: Atemwege – Herz-Kreislauf – Haut – Darm
Notfallmaßnahmen: Adrenalin-Autoinjektor ab Anaphylaxie Grad II – III; i.v. Zugang, Volumensubstitution, Antihistaminikum, Cortison, Sauerstoffgabe
Adrenalin-Autoinjektor-Gabe: Anwendung schulen, zwei Injektoren vorrätig haben, Notfallnummern alarmieren
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