Friedreich-Ataxie: Warum Früherkennung wichtig ist

 

Eine Bewegungsstörung im Kindesalter wird häufig zunächst einmal als harmlose Entwicklungsverzögerung eingeschätzt. Selten denkt man dabei gleich an eine seltene genetische Erkrankung wie Friedreich-Ataxie (FA), für die ein Gentest entscheidend ist, um frühzeitig die passenden therapeutischen Weichen zu stellen.

 

Die Friedreich-Ataxie ist eine seltene, vererbbare neurodegenerative Erkrankung, die auf einem genetischen Defekt beruht und typischerweise bereits im Kindes- oder Jugendalter auftritt. Sie zählt zu den sogenannten hereditären Ataxien, also genetisch bedingten Bewegungsstörungen. Charakteristisches Symptom ist eine fortschreitende Störung der Koordination und Muskelkontrolle, die FA kann darüber hinaus noch zu einer Vielzahl von Symptomen führen: von Ungeschicklichkeit bis hin zu schweren Herzproblemen. FA ist zwar bislang nicht heilbar, doch eine frühe Diagnose kann entscheidend dazu beitragen, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern.

Friedreich-Ataxie (FA) 

Sie ist die häufigste vererbte Form der Ataxie und macht etwa 50 % aller Ataxiefälle aus. Sie wurde 1863 vom deutschen Arzt Nikolaus Friedreich erstmals beschrieben. Die Erkrankung verursacht eine Neurodegeneration und äußert sich durch eine Kombination aus Gangunsicherheit, Muskelschwäche, Sensibilitätsstörungen, gestörter Tiefensensibilität und Sprachstörungen. 

Diagnostische Herausforderung

Der Begriff „Ataxie“ beschreibt allgemein eine Störung der Bewegungskoordination. Dabei kann es sich um ein Symptom verschiedenster Erkrankungen handeln, wie etwa einen einfachen Vitaminmangel über Multiple Sklerose bis hin zu genetischen Ursachen. Die Friedreich-Ataxie ist eine spezielle Form der Ataxie und stellt im Frühstadium lediglich eine von vielen möglichen Ursachen für koordinative Auffälligkeiten dar. Bei Kindern oder Jugendlichen, die beim Gehen leicht stolpern, sich häufig verletzen oder ungeschickt wirken, scheint es sich zunächst meist um eine motorische Entwicklungsverzögerungen zu handeln.

Degeneration des Nerven-systems vorprogrammiert

Verursacht wird FA durch eine Veränderung im sogenannten FXN-Gen auf Chromosom 9. Dieses Gen enthält die Bauanleitung für das Eiweiß Frataxin, das eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel der Zellen spielt, insbesondere in den Mitochondrien. Bei Betroffenen ist das FXN-Gen durch eine abnorme Wiederholung einer bestimmten DNA-Sequenz verändert, den sogenannten GAA-Triplett-Repeats. Während gesunde Menschen in diesem Abschnitt weniger als 33 dieser GAA-Wiederholungen aufweisen, haben Betroffene meist mehrere Hundert bis über 1.000 Repeats. Durch diese überlange Sequenz wird die Produktion von Frataxin stark reduziert. Fehlt ausreichend Frataxin, führt das zur Schädigungen – vor allem in Nervenzellen des Rückenmarks und in bestimmten Hirnregionen, aber auch in Herzmuskel und Pankriaszellen. Die Folge ist eine zunehmende Degeneration des Nervensystems, Skoliose, Diabetes mellitus und häufig auch eine Kardiomyopathie.

Verlauf und Prognose unterschiedlich

FA wird autosomal-rezessiv vererbt – beide Elternteile müssen daher Träger des fehlerhaften Gens sein, damit ein Kind erkrankt. Träger selbst zeigen keine Symptome, können das defekte Gen jedoch weitergeben. Früh betroffene Kinder werden häufig zuerst beim Kardiologen vorstellig, wenn eine hypertrophe Kardiomyopathie auffällig wird. Dort wird die Herzerkrankung oft symptomatisch behandelt, ohne dass die zugrunde liegende genetische Ursache erkannt wird.

Der Krankheitsverlauf bei FA kann sehr unterschiedlich sein. In der Regel treten die ersten Symptome zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr auf. Spätformen können auch erst im Erwachsenenalter auftreten und verlaufen oft milder und mit langsamerer Progression. Zu den typischen Symptomen zählen neben der Ataxie auch Muskelschwäche, Sprachstörungen, Sehstörungen, Skoliose, Diabetes mellitus sowie die Kardiomyopathie. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei rund 40 Jahren. Die Hauptursachen für eine verkürzte Lebenserwartung sind Herzkomplikationen und Infektionen im fortgeschrittenen Stadium. Viele Patienten sind ab dem zweiten oder dritten Lebensjahrzehnt auf einen Rollstuhl angewiesen.


Die Bedeutung der frühen Diagnose

Eine frühe Diagnose ist bei FA von zentraler Bedeutung. Während bildgebende Verfahren wie MRTs oder neurologische Untersuchungen lediglich Auffälligkeiten zeigen können, ist nur ein spezifischer Gentest in der Lage, die Diagnose FA eindeutig zu bestätigen. Der sogenannte FXN-Gentest prüft die Anzahl der GAA-Repeats im Frataxin-Gen. Bei einem klinischen Verdacht sollte daher dieser Test rasch veranlasst werden, vor allem, um den jungen Betroffenen langwierige Untersuchungsmarathons zu ersparen. Abhängig von der GAA-Repeat-Länge bestehen bei der FA mehrere klinische Phänotypen: Bei einer kurzen Repeat-Expansion bricht die Erkrankung erst im späteren Erwachsenenalter aus und schreitet langsam voran. Umgekehrt gilt: Je länger die GAA-Repeat-Expansion ist, desto früher bricht die Erkrankung aus, desto schneller schreitet sie voran und desto eher bestehen auch nicht-neurologische Manifestationen. 


Erstmalig auch Krankheitsverlauf verlangsamende Therapie

Seit Februar 2024 gibt es mit Omaveloxolon (Skyclarys™) erstmals die Möglichkeit, den progressiven Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen, seit Februar 2025 ist das Medikament auch in den Gelben Bereich (RE1) des Erstattungskodex aufgenommen. Skyclarys™ ist in der EU zur Behandlung der Friedreich-Ataxie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren zugelassen. Der Nrf2-Agonist verbessert die mitochondriale Funktion und reduziert den oxidativen Stress, in einer 48-wöchigen, Placebo- kontrollierten Studie konnten eine signifikante Verbesserung der neuromotorischen Funktion, eine Verlangsamung der Krankheitsprogression sowie nominelle Verbesserung sekundärer Endpunkte (wie Lebensqualität und Aktivitäten des täglichen Lebens) gezeigt werden. Die Einnahme erfolgt einmal täglich in Kapselform, was die Therapie im Alltag erleichtert. Zusätzlich zur Behandlung mit Skyclarys™ tragen eine engmaschige kardiologische Betreuung, Physiotherapie, Logopädie und Hilfsmittelversorgung  wesentlich zur Erhaltung der Lebensqualität bei. Zudem laufen weltweit Forschungsprojekte und klinische Studien, die auf gentechnische oder pharmakologische Therapien abzielen – mit ersten vielversprechenden Ergebnissen. 

 

Wie wird eine FA diagnostiziert und der Schweregrad der Progression ermittelt? 

  • Spezifischer Gentest bestätigt GAA-Repeats im FXN-Gen

  • MRT zeigt die Atrophie des Rückenmarks und Kleinhirns

  • EKG/Echo weist auf hypertrophe Kardiomyopathie und Rhythmusstörungen hin

  • Hör-/Sehtests zeigen die verzögerte Reizverarbeitung

  • Nervenleitgeschwindigkeit legt reduzierte oder fehlende sensible Potenziale offen


Wie wird eine FA behandelt?

  • Ab 16 Jahren: Krankheitsverlauf verlangsamende Therapie Skyclarys™ (Omaveloxolon)

  • Physio- & Ergotherapie fokussiert auf den Erhalt der Mobilität, Koordination und Selbstständigkeit im Alltag

  • Hilfsmittel wie Orthesen, Rollstühle oder Stehtrainer unterstützen die Betroffenen

  • Medikamentös symptomatisch gegen Herzinsuffizienz, Schmerzen etc.

  • Chirurgisch bei Skoliose oder Fußfehlstellungen

  • Kardiologische Betreuung: Engmaschig zur Vermeidung schwerer Komplikationen

 

rh


LITERATUR

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Foto: ISTOCKPHOTO/ PIKOVIT44/lemono
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